
- Titelseite des Klinikmagazins 2011 - Thema: Mittendrin -Inklusion psychisch Kranker
Ziel ist das Normalitätsprinzip
Sehr geehrte Leserinnen, sehr geehrte Leser,
erfreulicherweise hat sich die Psychiatrie in den letzten beiden Jahrzehnten zu einem ebenbürtigen und anerkannten Zweig der medizinischen Wissenschaft entwickelt. Patienten nehmen die psychiatrischen/psychotherapeutischen Leistungen vielfach genauso selbstverständlich und hürdenlos an wie die von Chirurgie, Innerer Medizin, Gynäkologie etc.
Fand die nervenärztliche Behandlung früher überwiegend in entlegenen großen „Anstalten“ über viele Monate oder sogar Jahre statt, so ist dies nahezu vollständig fachlich versiert abgelöst worden von sehr differenzierten ambulanten, tagesklinischen und stationären Behandlungen direkt vor Ort. Patienten mit psychischen Erkrankungen sind heutzutage in einer ganz anderen Rolle. Es geht hier um Menschen, die über weite Strecken ein ganz normales Leben meisterten, bis sie Verletzungen erfuhren, die tiefe Seelen-Risse hinterließen. Einige von ihnen antworteten auf ihr individuelles Schicksal mit der Ausformung einer eigenen verrückten Lebensweise. Dies lässt sich in den allermeisten Fällen deutlich bessern, sodass die erneute Teilnahme am gesellschaftlichen Leben möglich oder sogar selbstverständlich erscheint. Psychiatrie grenzt nicht aus, sie ist vielmehr bemüht, entsprechend den gesellschaftlichen Herausforderungen weitgehend zu reintegrieren.
Das Ziel aller Bemühungen ist die Teilhabe auch psychisch Kranker am gesellschaftlichen Normalitätsprinzip (Inklusion). Die LWL-Kliniken Lippstadt und Warstein registrieren sehr wohl, dass die schnellen Änderungen in Wirtschafts- und Kommunikationssystemen, aber auch im Sozialgefüge sowie in Bezug auf die Anforderungen in der Arbeitswelt parallel eine Zunahme von psychischen Erkrankungen und von Arbeitsausfalltagen mit sich bringen. Es darf daher nicht nur Ziel der psychiatrisch Tätigen sein, im Krankenhaus „unter der Käseglocke“, also institutionalisiert, Behandlungen unter optimalen milieutherapeutischen Bedingungen anzubieten; vielmehr müssen unsere professionellen Anstrengungen lebensfeldbezogener orientiert sein.
Hierzu haben wir bereits konkrete Neuausrichtungen vorgenommen: Das Kompetenzzentrum für Integration (KomZI) bietet Menschen mit Arbeitsstörungen aufgrund von psychosozialen Problemen eine modulare diagnostische und therapeutische Möglichkeit für einen Wiedereinstieg in das Erwerbsleben bzw. eine Verbesserung der Arbeitsfähigkeit. Diesbezügliche Bedarfe sind in den letzten zwei bis drei Jahren enorm gewachsen, wobei die Arbeitsagenturen (ARGEn) immer wieder das zunehmende Ausmaß von psychosozialen Problemen bei Langzeitarbeitslosen beklagen und um Rat nachfragen. Über die Mitarbeiter des KomZI finden nicht nur Weiterbildungen und Fallbesprechungen für die ARGE-Mitarbeiter statt, vielmehr wird in Abstimmung mit diesen einmal monatlich in den Städten Werl, Lippstadt, Soest und Warstein durch eine Psychologin und einen Psychiater ein Screening angeboten für Langzeitarbeitslose, bei denen der Verdacht auf eine zugrundeliegende psychische Störung besteht. Das hier angelaufene Projekt hat sich als effizient, vorbildlich und hilfreich erwiesen. Zweifelsohne hat es auch über die Region hinaus einen vorzeigbaren Modellcharakter.
Weiterhin haben wir bei der Behandlung von Psychosekranken ein neues Coachingkonzept in der Ergotherapie entwickelt. Dabei kommt dem Transfer von Kompetenzen in das persönliche Lebensumfeld eine entscheidende Rolle zu. Hiervon sowie von der Arbeit des KomZi können Sie auf den nachfolgenden Seiten lesen.
Dr. Ewald Rahn und Dr. Ursula Herrmann, Chefarzt und Oberärztin der Abteilung Allgemeine Psychiatrie, haben das ambulante Behandlungsprogramm STEPPS für Borderline-Persönlichkeitsgestörte erarbeitet und im Sinne der Multiplikation viele Fachleute in Deutschland geschult. Der Pflegedienst unserer Kliniken hat mit der Adherence-Therapie ein Angebot geschaffen, um Patienten auch zuhause weiterhin zu schulen und zu ermutigen, die notwendige Medikation verlässlich und überzeugt einzunehmen. Ziel dieser beiden Behandlungskonzepte, über die wir im letzten Klinikmagazin berichteten, ist die Reduzierung von stationärer Behandlungsnotwendigkeit, um die Patienten in ihrem originären Lebensumfeld belassen zu können.
Dies sind nur einige Beispiele, mit denen wir beweisen: Therapie und Rehabilitation müssen noch mehr an die Lebenswelt der Betroffenen heranrücken, um dadurch ihre Teilhabe am „wirklichen“ Leben zu unterstützen und zu fördern.

Ist das nicht ein spannendes Thema?
Ihr
Dr. med. Josef J. Leßmann
Ärztlicher Direktor
Ihr
Dr. med. Josef J. Leßmann
Ärztlicher Direktor