,,Endlich mal ein Tag ohne Therapie..."
... begeisterte sich einer der Teilnehmer der Kanutour, „den werde ich genießen!“
Der Himmel strahlte blau über Lippstadt, es war ein wunderbar warmer Septembertag, kein Wölkchen weit und breit, und die Sonne begleitete uns schon, seitdem wir in Warstein die Klinik verlassen hatten.
In einer der Gruppentherapiestunden war der Wunsch geäußert worden, einmal einen besonderen Tagesausflug zu unternehmen, und die Wahl war auf eine Kanutour gefallen. Die Finanzierung der Busfahrt und des Kanuverleihs wurde bei der Liese-Lotte-Fleck-Stiftung beantragt und so stand der Realisierung nichts im Wege.
Einige der Rehabilitanden erinnerten sich an Jugenderlebnisse oder auch Ausflüge mit ihren Kindern vor einigen Jahren. Die Vorfreude auf einen entspannten Tag lag schon seit Beginn der Planung in der Luft. Die Therapeutin hatte vollmundig gutes Wetter versprochen (sie zitterte bis zuletzt, ob dieses Versprechen nicht zu voreilig gewesen war) – und ließ sich nun ihre Erleichterung kaum anmerken.
Nach einer kurzen Einführung bestiegen alle die Kanus, immer drei in einem Boot. Der Einstieg erfolgte eher zufällig, und so zeigte sich erst während der Tour, ob der Steuermann seiner Aufgabe auch gewachsen war. So manches Boot landete unfreiwillig in der Uferböschung. Der Rest der Mannschaft versuchte dann eher reglos, ein Kentern zu verhindern, lachte über das Missgeschick oder schimpfte laut – je nach Temperament.
In einem der Boote saß vorn ein erst kürzlich aufgenommener Patient, der mit sich und seinem Leben haderte, viele Kränkungen in sich trug, überall auf der Welt sein wollte, nur nicht in Warstein, der sich seine Erkrankung nicht verzeihen konnte und der es gewohnt war, als Chef den Ton anzugeben. Einem jungen Mann, den das Leben einst gelehrt hatte, sich möglichst aus vielen Dingen herauszuhalten, fiel scheinbar zufällig die Rolle des Steuermanns zu. Er konnte seine Aufgabe aber kaum wahrnehmen, denn ein in der Mitte sitzender junger Mann, der häufig schon bei Alltäglichkeiten Mühe hatte, aufkommenden Ärger und Aggressionen zu kontrollieren und der sich nicht gern etwas sagen ließ, ruderte mit so viel Kraft, dass sich das Kanu manches Mal drehte und nicht zu steuern war. Es braucht nicht viel Phantasie um sich auszumalen, welche Dialoge sich in dem Boot ergaben, zumal diese Kanuten insgesamt sicher die dreifache Wegstrecke zurücklegten. Bald fand sich neben diesem Kanu das, in dem auch die Therapeutin saß. Diese war erleichtert, dass der Konflikt auf dem Wasser ausgetragen wurde und alle Beteiligten sich bemühten, nicht über Bord zu gehen. Die Vorschläge, Ratschläge, verärgerten Zurufe des ersten Kanuten wurden beantwortet von wütenden Ausbrüchen des zweiten, während sich der Steuermann still in sich zusammengesunken bemühte, seiner Aufgabe gerecht zu werden. Begleitet wurden die drei von den Bemühungen der Therapeutin im Nachbarkanu: „Merken Sie, welche Auswirkungen Ihre Ratschläge haben?“ – „Gelingt es Ihnen, einfach einmal keinen Kommentar zu geben?“ – „Jetzt haben Sie die Gelegenheit, an Ihren Aggressionen zu arbeiten.“
Der Erfolg dieser Bemühungen war jeweils nur von kurzer Dauer, aber da die Beteiligten ganz offensichtlich weder die Stabilität des Kanus gefährden, noch an Land gehen und die Strecke zu Fuß zurücklegen wollten, mussten die Kanuten den Konflikt aushalten oder lösen. Es gab nur zwei mögliche Resultate: Entweder würden beide nach der Tour nie wieder ein Wort miteinander wechseln und wären Feinde fürs Leben, oder sie würden sich miteinander arrangieren. Um es vorweg zu nehmen: Die beiden Kontrahenten wurden danach für die gemeinsame Zeit ihrer Therapie die besten Freunde, die täglich zusammen Spaziergänge oder gar Wanderungen unternahmen.
Aber auch die anderen Ausflügler nutzten den Tag auf ihre Weise: Nach einer Flussbiegung saßen drei Herren an der Böschung – ohne Boot – und erzählten den Vorbeirudernden, sie hätten alle drei einem menschlichen Bedürfnis nachgehen müssen, dabei ihr Boot nicht befestigt und es bei ihrer Rückkehr nicht mehr auffinden können. Allein der Begleiter des Kanuverleihs blieb ruhig, weil er – nachdem das Kanu weit und breit nicht zu sehen war – zu Recht vermutete, dass es sich um einen Streich handelte. Das Kanu lag gut versteckt im Schilf, und nachdem alle Boote hinter der nächsten Biegung verschwunden waren, holten es die drei Spaßmacher aus dem Versteck.
Nach drei Stunden auf dem Wasser waren sich alle Beteiligten einig, dass ein solcher (therapiefreier?) Tag unbedingt wiederholt werden müsse. – Das Vorhaben wurde übrigens wenig später umgesetzt bei einer Wanderung mit Ranger Jörg abseits der üblichen Waldwege.
Christine Enste
Der Himmel strahlte blau über Lippstadt, es war ein wunderbar warmer Septembertag, kein Wölkchen weit und breit, und die Sonne begleitete uns schon, seitdem wir in Warstein die Klinik verlassen hatten.
In einer der Gruppentherapiestunden war der Wunsch geäußert worden, einmal einen besonderen Tagesausflug zu unternehmen, und die Wahl war auf eine Kanutour gefallen. Die Finanzierung der Busfahrt und des Kanuverleihs wurde bei der Liese-Lotte-Fleck-Stiftung beantragt und so stand der Realisierung nichts im Wege.
Einige der Rehabilitanden erinnerten sich an Jugenderlebnisse oder auch Ausflüge mit ihren Kindern vor einigen Jahren. Die Vorfreude auf einen entspannten Tag lag schon seit Beginn der Planung in der Luft. Die Therapeutin hatte vollmundig gutes Wetter versprochen (sie zitterte bis zuletzt, ob dieses Versprechen nicht zu voreilig gewesen war) – und ließ sich nun ihre Erleichterung kaum anmerken.
Nach einer kurzen Einführung bestiegen alle die Kanus, immer drei in einem Boot. Der Einstieg erfolgte eher zufällig, und so zeigte sich erst während der Tour, ob der Steuermann seiner Aufgabe auch gewachsen war. So manches Boot landete unfreiwillig in der Uferböschung. Der Rest der Mannschaft versuchte dann eher reglos, ein Kentern zu verhindern, lachte über das Missgeschick oder schimpfte laut – je nach Temperament.
In einem der Boote saß vorn ein erst kürzlich aufgenommener Patient, der mit sich und seinem Leben haderte, viele Kränkungen in sich trug, überall auf der Welt sein wollte, nur nicht in Warstein, der sich seine Erkrankung nicht verzeihen konnte und der es gewohnt war, als Chef den Ton anzugeben. Einem jungen Mann, den das Leben einst gelehrt hatte, sich möglichst aus vielen Dingen herauszuhalten, fiel scheinbar zufällig die Rolle des Steuermanns zu. Er konnte seine Aufgabe aber kaum wahrnehmen, denn ein in der Mitte sitzender junger Mann, der häufig schon bei Alltäglichkeiten Mühe hatte, aufkommenden Ärger und Aggressionen zu kontrollieren und der sich nicht gern etwas sagen ließ, ruderte mit so viel Kraft, dass sich das Kanu manches Mal drehte und nicht zu steuern war. Es braucht nicht viel Phantasie um sich auszumalen, welche Dialoge sich in dem Boot ergaben, zumal diese Kanuten insgesamt sicher die dreifache Wegstrecke zurücklegten. Bald fand sich neben diesem Kanu das, in dem auch die Therapeutin saß. Diese war erleichtert, dass der Konflikt auf dem Wasser ausgetragen wurde und alle Beteiligten sich bemühten, nicht über Bord zu gehen. Die Vorschläge, Ratschläge, verärgerten Zurufe des ersten Kanuten wurden beantwortet von wütenden Ausbrüchen des zweiten, während sich der Steuermann still in sich zusammengesunken bemühte, seiner Aufgabe gerecht zu werden. Begleitet wurden die drei von den Bemühungen der Therapeutin im Nachbarkanu: „Merken Sie, welche Auswirkungen Ihre Ratschläge haben?“ – „Gelingt es Ihnen, einfach einmal keinen Kommentar zu geben?“ – „Jetzt haben Sie die Gelegenheit, an Ihren Aggressionen zu arbeiten.“
Der Erfolg dieser Bemühungen war jeweils nur von kurzer Dauer, aber da die Beteiligten ganz offensichtlich weder die Stabilität des Kanus gefährden, noch an Land gehen und die Strecke zu Fuß zurücklegen wollten, mussten die Kanuten den Konflikt aushalten oder lösen. Es gab nur zwei mögliche Resultate: Entweder würden beide nach der Tour nie wieder ein Wort miteinander wechseln und wären Feinde fürs Leben, oder sie würden sich miteinander arrangieren. Um es vorweg zu nehmen: Die beiden Kontrahenten wurden danach für die gemeinsame Zeit ihrer Therapie die besten Freunde, die täglich zusammen Spaziergänge oder gar Wanderungen unternahmen.
Aber auch die anderen Ausflügler nutzten den Tag auf ihre Weise: Nach einer Flussbiegung saßen drei Herren an der Böschung – ohne Boot – und erzählten den Vorbeirudernden, sie hätten alle drei einem menschlichen Bedürfnis nachgehen müssen, dabei ihr Boot nicht befestigt und es bei ihrer Rückkehr nicht mehr auffinden können. Allein der Begleiter des Kanuverleihs blieb ruhig, weil er – nachdem das Kanu weit und breit nicht zu sehen war – zu Recht vermutete, dass es sich um einen Streich handelte. Das Kanu lag gut versteckt im Schilf, und nachdem alle Boote hinter der nächsten Biegung verschwunden waren, holten es die drei Spaßmacher aus dem Versteck.
Nach drei Stunden auf dem Wasser waren sich alle Beteiligten einig, dass ein solcher (therapiefreier?) Tag unbedingt wiederholt werden müsse. – Das Vorhaben wurde übrigens wenig später umgesetzt bei einer Wanderung mit Ranger Jörg abseits der üblichen Waldwege.
Christine Enste

