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Klinikmagazin 2011 - LWL-Kliniken Warstein und Lippstadt - 14. Ausgabe



 
Körper und Seele in Einklang bringen
Trafen sich zum kollegialen Austausch (von links): Leonid Janovski (Reha-Zentrum), Dr. Turan Devrim (Reha-Zentrum), Dr. Michael Gotzes (Internist), Dr. Andreas Thiele (HNO), Dr. Thomas W. Heinz (Chefarzt Reha-Zentrum),Dr. Günther Roth (Gynäkologe) und Dr. Martin Gotzes (Internist).

LWL-Rehabilitationszentrum Südwestfalen

Was der Psychiater nicht kann ...


Im Warsteiner Gebäude 57 findet die Entwöhnungsbehandlung für Senioren statt.
Wenn die Ohren schmerzen, sind die Rehabilitanden bei HNO-Arzt Dr. Andreas Thiele in besten Händen.
Körpermedizinische Mitversorgung während der Rehabilitation

Menschen, die zu ihrer Entwöhnungsbehandlung in unsere Fachklinik kommen, bringen fast immer viele Probleme mit: Neben Schwierigkeiten in der Familie, am Arbeitsplatz oder auch mit dem Gesetz gibt es sehr oft körperliche Probleme.
Noch vor etwa zehn Jahren waren so genannte „komorbide“ Suchtkranke, das heißt Patienten mit mehreren Folgeerkrankungen eines übermäßigen Suchtmittelkonsums, eher selten. Seit einigen Jahren nimmt die Zahl dieser Patienten deutlich zu, sodass solche, die „nur“ mit einer Abhängigkeitserkrankung zu uns kommen, seltener geworden sind. Bei vermehrtem Suchtmittelkonsum vernachlässigen die Betroffenen zunehmend ihre Gesundheit, nehmen bestehende körperliche sowie seelische Probleme nicht ernst, verweigern regelmäßige Untersuchungen beim Hausarzt sowie bei entsprechenden Fachärzten, nehmen Empfehlungen von Ärzten bezüglich der Medikamenteneinnahme nicht wahr. Das führt dann dazu, dass bestehende Erkrankungen sich weiter entwickeln, vielfache Komplikationen auftreten, was schließlich bei fortgesetztem Alkoholkonsum zur weiteren Verschlechterung des Zustandes des Patienten führen kann.
Trotz wiederholter stationärer Aufenthalte in verschiedenen Kliniken sind nicht wenige unserer Patienten bei der Aufnahme bezüglich bestehender Erkrankungen uneinsichtig geblieben. Besonders dramatisch sieht es bei Patienten mit Migrationshintergrund aus, die aus osteuropäischen Staaten hierher zugezogen sind, da zusätzlich Sprachprobleme eine große Rolle spielen.
Am Beginn der ersten Behandlungsphase steht immer die ausführliche körperliche Untersuchung durch den Stationsarzt. Je nach Ergebnis folgen weitere Diagnostik der bestehenden Erkrankungen und Einleitung der angemessenen Behandlung. Deshalb ist in dieser Phase eine Kooperation mit den zuständigen Hausärzten und danach mit niedergelassenen Fachärzten in Warstein besonders wichtig. Damit können wir unseren Patienten (sowie auch dem Personal) helfen, bestehende gesundheitliche Probleme besser zu verstehen, diagnostisch zu klären und möglichst zielgerichtet zu behandeln. Wir übernehmen dabei den psychiatrischen Teil, die anderen fachärztlichen Fragestellungen werden von den niedergelassenen Kollegen in deren Praxen erbracht. Diese binden wir auch zum Ende der Therapie mit ein, wenn Fragen zur weiteren Arbeitsfähigkeit abzuklären sind.
Sehr wichtig ist auch die Hilfe und Kooperation mit nahegelegenen Krankenhäusern, in erster Linie dem Krankenhaus Maria Hilf in Warstein und dem Marienkrankenhaus in Soest. Unsere Patienten haben natürlich freie Arztwahl, die Behandlung am Heimatort ist jedoch oftmals wegen der Entfernungen nicht zu realisieren. In den letzten Jahren hat sich eine sehr gute Kooperation mit den Fachärzten hier in der Region ergeben.
Es kommt vor allem zur Inanspruchnahme von allgemeinmedizinischen Leistungen; neben den (z. B. alkoholbedingten) Erkrankungen von Leber und Verdauungstrakt sind es auch Krankheiten der Atemwege und Lunge. Letztgenanntes hat viel mit dem oftmals starken Nikotinkonsum zu tun. Hier schließt sich nicht selten die Behandlung von Hals- und Nasenregion an. Zusammen mit dem örtlichen HNO-Facharzt werden in diesem Bereich pro Jahr mehrere Verdachtsfälle von Krebserkrankungen „herausgefischt“, die manchmal auch onkologisch therapiert werden müssen.
Auch die chirurgischen und orthopädischen Probleme nehmen breiten Raum ein, da viele der Patienten Erkrankungen des Bewegungsapparates beklagen, die eine Arbeitsfähigkeit im erlernten Beruf erschweren können. Die fehlende Selbstfürsorge spiegelt sich im wahrsten Sinn in einem leider nicht selten desolaten Zahnstatus wider: Es ist immer wieder erstaunlich, welch eine Veränderung im Erscheinungsbild (und Selbstbewusstsein) durch ein saniertes Gebiss geschieht.
Insgesamt ist es erfreulich zu beobachten, wie die Verbesserung des Allgemeinzustandes bei adäquater fachärztlicher Diagnostik und Behandlung auf das Gesamtbefinden und den seelischen Zustand des Patienten Einfluss nimmt. Die Betroffenen werden dadurch konzentrierter, zugänglicher und ruhiger, arbeiten aktiver an den Therapieinhalten mit und erreichen meistens ihr Ziel – das abstinente Leben.
Um die gute Kooperation zu erhalten, zu pflegen und zu verbessern, werden seit Neuestem einmal pro Jahr die niedergelassenen Fachärzte eingeladen. In dieser Runde können die Telefonstimmen auch ein Gesicht bekommen, können Kritikpunkte, Hinweise auf die Gemeinsamkeiten und Unterschiede, aber auch Lob, direkt ausgesprochen werden. Nachfolgend soll von der letzten Gesprächsrunde berichtet werden.
Es zeigte sich, dass sich die Warsteiner Bürger im Allgemeinen mit den psychisch Kranken im Stadtbild arrangiert haben, dies akzeptieren, aber in der besonders „privaten“ Situation in einer Arztpraxis das Konfrontiertsein mit dem „Unnormalen“ oftmals als schwierig erleben – zumal, wenn auch noch Sprachprobleme hinzutreten.
Reha-Patienten werden in der Arzt-Praxis ab und zu besonders ungeduldig wahrgenommen, mit auffällig ansprüchlichem Verhalten: „Nach dem Entzug tut plötzlich alles weh!“ Diese Patienten brächten teilweise umfangreiche Fragestellungen mit, die in einer „durchgetakteten“ Sprechstunde nicht „mal eben so“ beantwortet werden könnten, das brauche deutlich mehr Zeit (z. B. Fragen zur Arbeitsfähigkeit). Für die niedergelassenen Ärzte sei es außerdem eine ganz besondere Konstellation: Nicht der Patient vor ihnen im Sprechzimmer stelle eine direkte Frage, sondern per Konsilschein ein ärztlicher Kollege der Klinik; dies erfordere andere Antworten, die mehr Zeit brauchten. Die Zusammenarbeit mit der Zentralen Pflege des Reha-Zentrums Stillenberg wurde sehr positiv bewertet, da man hier auf kompetente Ansprechpartner treffe, die gut zu erreichen seien.
Selbstkritisch diskutierten wir das Thema „durch Behandlung erzeugte Sucht“, nämlich die Verschreibungspraxis von Beruhigungs- und Schlafmitteln: Die Menge der Rezepte für Tranquilizer geht zwar erfreulicherweise zurück, aber seit diversen Jahren sehen wir eine erhebliche Zunahme von Schlafmittel-Verordnungen. Zwar dürften diese nur für vier Wochen rezeptiert werden, danach gebe es aber oft Probleme bei der Absetzung, vor allem bei älteren Patientinnen. Bei solchen Problemen wurde im Bedarfsfall Hilfe angeboten, sowohl von Seiten der Abteilung Suchtmedizin als auch von unserer Seite.
Einen breiten Raum nahmen die Fragen zur zukünftigen Entwicklung ein. Wir berichteten von den erfreulich konkreten Plänen zum Neubau eines modernen 84-Bettenhauses am Stillenberg, und wir konnten die Bedenken („… was wird aus den schönen alten Gebäuden, die so aufwendig renoviert wurden?“) ebenso zerstreuen wie die Vorstellung, das Geld für die umfangreichen Renovierungen, Umbauten, Neubauten am gesamten Klinikstandort käme regelhaft per „Geldkoffer vom LWL“. Die LWL-Klinik Warstein inklusive Fachklinik Stillenberg muss den Großteil der Kosten selbst refinanzieren. Auch der geplante Reha-Neubau wird nicht von Außen bezahlt, sondern „der Stillenberg“ selbst muss Verantwortung übernehmen, um seine Zukunft aus eigener Kraft zu sichern. Das fordert von allen Mitarbeitern erheblichen Einsatz. Aber die damit verbundene Zukunftsperspektive beweist die Tragfähigkeit der vielfältigen Behandlungsangebote und signalisiert den Mitarbeitern außerdem einen gesicherten Arbeitsplatz.
Zum Abschluss wurden gemeinsame Zukunftspläne diskutiert. Sowohl die Nikotinfreiheit bei somatischen Erkrankungen als auch eine engere Kooperation bei evtl. gemeinsamen Angeboten (z. B. bei Tinnitus- Patienten, die vorrangig psychosomatische Beschwerden haben) wurden thematisiert. Alle Teilnehmer waren sich einig: Gern einmal pro Jahr ein gemeinsames Treffen, und mit dem „Gesicht zur Stimme“ werde man sich jetzt bei Fragen und Kritik „auf dem kurzen Dienstweg“ abstimmen. Je mehr Normalität im Miteinander ist, desto besser sind Fachärzte wie Patienten: mittendrin.
Dr. Thomas W. Heinz, Leonid Janovski