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Klinikmagazin 2011 - LWL-Kliniken Warstein und Lippstadt - 14. Ausgabe



 
Mithilfe neuer Medien eignen sich die Schülerinnen und Schüler – hier mit dem Leiter der LWL-Akademie Paul Duhme – das nötige Know-how an, um für die Praxis gewappnet zu sein.

Experten in doppelter Hinsicht

Die Integration psychiatrischen Grundwissens hilft LWL-Schülern beim Einsatz in Allgemein-Krankenhäusern


Blutdruckmessen lernt man auch in der Psychiatrie.
Der Frühdienst im Allgemein-Krankenhaus beginnt. Nachdem die morgendliche Übergabe des Pflegepersonals, bei der alle wichtigen Informationen über die Patienten weitergegeben werden, beendet ist, werden die ersten Aufgaben des Frühdienstes in Angriff genommen.
Begonnen wird mit einem morgendlichen Rundgang durch die Patientenzimmer. Vor dem Betreten des ersten Zimmers fragt Schwester Helga die Schüler der LWL-Aka- demie: „Habt ihr denn überhaupt schon gelernt, Blutdruck und Puls zu messen? Sowas lernt man in der Psychiatrie angeblich doch gar nicht!“
Im Rahmen ihrer dreijährigen Ausbildung lernen die Schülerinnen und Schüler der LWL-Akademie für Gesundheits- und Krankenpflege auch die Arbeit an kooperierenden Krankenhäusern kennen. Entgegen den Vorurteilen einiger dort tätiger Pflegefachkräfte werden in der Akademie in Eickelborn zu Beginn der Ausbildung auch Grundlagen der allgemeinen Krankenpflege und Krankenbeobachtung vermittelt.
Im Unterricht und an einem Projekttag mit den angehenden Praxisanleitern, die auch in der LWL-Akademie ausgebildet werden, setzen sich die Schüler schon im ersten Theorieblock praxisnah mit Themen wie Blutdruckmessung, Blutzuckermessung und Krankenbeobachtung, zum Beispiel bei Fieber, auseinander.
Zurück zur eingangs dargestellten Situation: Nachdem im ersten Zimmer alle Vitalzeichen überprüft worden sind und Hilfe bei der Grundpflege angeboten wurde, wird der morgendliche Rundgang fortgesetzt. In Zimmer 3 liegt unter anderem eine 80-jährige Frau mit ungeklärten Beschwerden in der Brust und der Nebendiagnose „durchblutungsbedingte Demenz“. Beim Betreten des Zimmers wirkt die Patientin recht verwirrt und stellt beunruhigt die Frage: „Wo bin ich denn hier?“ – „Im Krankenhaus“, antwortet die Schwester. „Haben Sie gut geschlafen? Ich werde jetzt einmal Fieber und Blutdruck messen“, geht es weiter im Text. Die ältere Patientin lässt sich nicht beruhigen und fährt fort: „Wo ist denn mein Heinz? Ich muss ihm doch noch sein Frühstück und die Brote für die Arbeit machen! Ich muss jetzt unbedingt nach Hause!“ Die Schwester entgegnet kühl und knapp: „Der Heinz ist doch schon vor einem Jahr gestorben, aber das wissen Sie doch! Sie können jetzt nicht nach Hause, Sie sind doch im Krankenhaus!“ Auf diese Aussage reagiert die Patientin völlig fassungslos und fängt unmittelbar an zu weinen.
Wie hätten Sie in einer solchen Situation reagiert? Was hätten Sie geantwortet?
Für die ältere Dame kam die Nachricht vom Tode des Mannes wie aus heiterem Himmel. Doch woran liegt das? Ihr Ehemann ist doch schon längere Zeit tot und sie müsste es doch eigentlich wissen! Die Erklärung liegt in der Krankheit der vaskulären Demenz: Die Patienten „leben“ im Altgedächtnis. Konkret heißt das hier: Die Patientin meint, sich in den 70er-Jahren zu befinden, in denen ihr Ehemann Heinz noch lebte, zur Arbeit ging, und ihre Aufgabe darin bestand, sich um den Haushalt und die Kinder zu kümmern. Darüber hinaus sind Patienten sowohl örtlich als auch zeitlich desorientiert und leiden an einer Störung der Merkfähigkeit.
Die Behandlung solcher Patienten in einem Allgemeinkrankenhaus ist zum einen schwierig, da diese einen erhöhten Zeitaufwand bedeutet, die Pflegenden jedoch im Vergleich zur Psychiatrie für eine größere Anzahl von Patienten verantwortlich sind und darüber hinaus die Patienten primär wegen einer ganz anderen Krankheit stationär aufgenommen wurden. Die Therapiemaßnahmen sind auf die körperlichen Beschwerden ausgelegt, die Diagnose Demenz gerät dabei in den Hintergrund.
Hinzu kommt, dass das Wissen über die Krankheitsbilder und der geübte Umgang mit diesen Patienten nicht unerheblich sind. In diesem Punkt haben die LWL-Krankenpflegeschüler einen Vorteil gegenüber Schülern in somatisch ausgerichteten Häusern. Sie haben bereits in den ersten Ausbildungstagen die psychiatrischen Krankheitsbilder, wie z.B. die vaskuläre Demenz, und den praktischen Umgang damit vermittelt bekommen. In den LWL-Kliniken gibt es spezielle gerontopsychiatrische Stationen, die sich mit der Behandlung dieser Krankheitsbilder befassen und somit eine wesentlich individuellere Pflege und Therapie ermöglichen.
Um die Reaktion der Krankenschwester wieder aufzugreifen: In diesem Falle sollte man versuchen, in den Dialog mit der Patientin einzutreten und die Aussagen hinterfragen. Als Beispiel hierfür könnte man die Patientin nach den Essgewohnheiten ihres Mannes fragen, um somit das Gespräch in eine andere Richtung zu lenken und dennoch die Patientin in ihren Sorgen nicht allein zu lassen. Anhand dieses Beispiels wird deutlich, dass es in solch einer Situation nicht um die funktionelle Pflege geht, sondern um die Beziehungspflege zwischen Patient und Pflegedienst, die in der Psychiatrie einen großen Platz einnimmt.
Paul Duhme

Ansprechtpartner

Paul Duhme
Leiter der LWL-Akademie für Gesundheits- und Pflegeberufe Lippstadt
Sekreteriat
Telefon 02945 981-1554
Telefax 02945 981-1559