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Klinikmagazin 2011 - LWL-Kliniken Warstein und Lippstadt - 14. Ausgabe



 

Abteilung Gerontopsychiatrie

Mitten im Leben


Andrea Müller, hier mit den Moderatorinnen Christiane Böhm und Reinhild Spanke (von links), stellte im Gesprächskreis Demenz die Möglichkeit vor, durch Klangmassage den Krankheitsverlauf positiv zu beeinflussen.
Zum Team gehört außerdem Kathrin Meyer
Mehr als 1,2 Millionen Menschen in Deutschland leiden an einer Demenz, die meisten von ihnen sind an Alzheimer erkrankt. Hirnzellen sterben ab, Erinnerungen verblassen, Neues überfordert, Verhaltensauffälligkeiten können auftreten, das Wesen verändert sich. Auch Demenzkranke haben das Recht, am Leben in der Gemeinschaft teilzunehmen. (Vgl. Alzheimer Info, Nachrichten der Deutschen Alzheimer Gesellschaft, Selbsthilfe Demenz, Ausgabe 3/10).
Teilhabe am Leben in der Gesellschaft – das fordert die Deutsche Alzheimergesellschaft schon lange und kann sich dabei auf die Charta der Rechte hilfe- und pflegebedürftiger Menschen und die Konvention über die Rechte behinderter Menschen stützen. Dazu gehört, „dass Demenzkranke akzeptiert werden wie sie sind, ihren Willen durchsetzen und ihre Gefühle ausleben dürfen, Nähe und Wertschätzung erfahren, soziale Kontakte haben und Gemeinschaft erleben, vertrauten Beschäftigungen nachgehen können, sich kompetent und gebraucht fühlen, etwas zum Freuen und Lachen haben, sich verstanden und geliebt fühlen“. (Vgl. Elfi Eichhorn-Kösler, Teilhabe trotz Demenz, Diözesane Fachtagung, Altenseelsorge 2009 in Raststatt, Caritasverband für die Erzdiözese Freiburg, Referat Stationäre Altenhilfe und Referat Gemeindecaritas). Diese wichtige Zielsetzung stellt vor allem Angehörige vor große Herausforderungen. Denn nach Schätzungen der Deutschen Alzheimergesellschaft werden 60 Prozent der Demenzkranken zu Hause gepflegt. Die dadurch entstehenden Belastungen sind manchmal so kräftezehrend, dass Angehörige selbst körperlich oder seelisch erkranken.
Hier setzen die LWL-Kliniken Lippstadt und Warstein mit Angeboten an, die Angehörigen Hilfen und Informationen aufzeigen, um Demenzkranken besser gerecht werden zu können. In monatlich stattfindenden Gesprächskreisen erhalten Betroffene an beiden Standorten die Möglichkeit zum gegenseitigen Austausch und erfahren Beratung durch Mitarbeiterinnen der Kliniken.
Der Gesprächskreis für Angehörige von Demenzkranken in Warstein wird gemeinsam von der Abteilung Gerontopsychiatrie der Klinik und der Tagespflege, Haus 30, des LWL-Pflegezentrums Warstein veranstaltet. Dieser Kreis, der seit zehn Jahren besteht, ist eine offene Gruppe, das heißt, zu jedem Treffen können neue Teilnehmer hinzukommen. Fachlich begleitet wird diese Gruppe durch zwei Diplom-Sozialarbeiterinnen und eine Fachkrankenschwester. Die Vielfalt der angesprochenen Themen reicht von der Erkrankung in frühen Stadien der Demenz über Erfahrungen in verschiedenen Wohnformen bis hin zur letzten Lebensphase. In der Gruppe können die Angehörigen erkennen, dass sie mit ihren Problemen nicht alleine sind. Gemeinsam wird nach Lösungen gesucht, verschiedene Lösungsmöglichkeiten werden diskutiert und oft werden praktische Tipps untereinander ausgetauscht. Die Fachkräfte aus Sozial- und Pflegedienst informieren über die medizinische und nichtmedizinische Behandlung der Krankheit, über geeignete Beschäftigung, Pflegeversicherung, Betreuungsrecht, Pflege, Betreuten Urlaub und viele weitere Themen.
In der Gruppe wird auch über schwierige Verhaltensweisen der Demenzkranken und das eigene Verhalten in den jeweiligen Situationen gesprochen. Die Teilnehmer erfahren Unterstützung bei der Zukunftsplanung; auch der Erhalt eines sozialen Netzes ist oftmals ein sehr zentrales Thema. Gelegentlich werden zu bestimmten Fragestellungen Fachreferenten eingeladen. Rechtzeitig erfolgt jeweils in den regionalen Tageszeitungen eine Pressemitteilung.
Folgende Themen wurden in den letzten Jahren besprochen: Die Alzheimer- Krankheit, Überblick über die drei Stadien, andere Demenzformen, Diagnose, medizinische Behandlung, Kommunikation mit Menschen, die an Demenz leiden, betreuungsrechtliche Fragestellungen, Gehirnleistung im Alter, Leistungen der Pflegeversicherung und vieles mehr.
„Ich komme gerne in die Angehörigengruppe, ich freue mich schon auf das nächste Treffen!“, das war erst kürzlich die Aussage einer Angehörigen. Sie war froh, in der Gruppe Freude und Geselligkeit zu erfahren und neue Kontakte zu knüpfen. Gemeinschaft wird gelebt, auch mit den Demenzerkrankten, denn diese kommen manchmal gemeinsam mit den Angehörigen zu den Treffen.
Den Teilnehmerinnen und Teilnehmern noch in bester Erinnerung ist das Treffen zum Welt-Alzheimertag 2010. Eine Referentin stellte die Klangtherapie vor: wohltuende Töne für Menschen mit Demenz. Dies ist eine Möglichkeit, neben der medizinischen Behandlung, der sozialen Betreuung und der fachkundigen Pflege den Krankheitsverlauf positiv zu verändern. Die Teilnehmer der Gruppe genossen zum Ende der Veranstaltung eine gemeinsame Phantasiereise unter den wohltuenden Tönen der Klangschalen.
Am Ende eines jeden Jahres besteht die Möglichkeit, die Tagespflege Haus 30 des LWL-Pflegezentrums Warstein als eine mögliche Betreuungsform kennen zu lernen. Daran schließt sich stets eine gemütliche Kaffeerunde gemeinsam mit den Angehörigen und Demenzerkrankten an. Dies ist eine weitere Möglichkeit für die Betroffenen, Gemeinschaft zu erleben und sich aufgrund der Erkrankung nicht zu isolieren.
Reinhild Spanke, Dipl.-Sozialpädagogin

Seite an Seite – Tag für Tag

Gehen gemeinsam „durch dick und dünn“: Herr und Frau S.
Über das Leben mit einem Demenzpatienten
Gemeinsam mit ihrem Ehemann den Ruhestand genießen, mit ihm verreisen, Familie und Freunde besuchen – so hatte sich Frau S. ihren Lebensabend vorgestellt. Doch dann kam alles anders. Herr S. erkrankte schwer. Diagnose: depressive Störung und Demenz. Über den Umgang mit der Krankheit ihres Mannes berichtet Frau S. im Interview. Auch Herr S. nahm an dem Gespräch teil.
Klinikmagazin: Zunächst einmal ganz herzlichen Dank, Herr und Frau S., dass Sie sich zu diesem Treffen bereit erklärt haben. Frau S., wie haben Sie die Erkrankung Ihres Mannes zunächst erlebt, welche Anzeichen haben Sie damals wahrgenommen und wie haben Sie darauf reagiert?
Frau S.: Das ist jetzt acht Jahre her, mein Mann war damals gerade 70 geworden. Es fing damit an, dass er manchmal einfach nicht mehr aufgestanden ist. Er war sehr unruhig und regte sich über alles Mögliche auf. Das ging sogar so weit, dass er sich körperlich nicht mehr imstande fühlte, sich zu pflegen. Meine Hilfe hat er abgelehnt. Ich wusste schließlich keinen anderen Ausweg mehr, als ihn in die Klinik zu bringen. Das war für mich sehr schlimm: Mir einzugestehen, dass ich zu Hause mit ihm nicht mehr zurecht kam. Ich fragte mich: Was würden die in der Klinik nur von mir denken?
Klinikmagazin: Ihr Mann wurde dann stationär in der Abteilung Gerontopsychiatrie der LWL-Klinik Lippstadt aufgenommen. War es wirklich so schlimm wie befürchtet?
Frau S.: Meine Ängste waren völlig unbegründet. Mein Mann wurde medikamentös gut eingestellt und konnte nach einigen Wochen zurück nach Hause kommen. Hier fühlt er sich wohl und hier soll er so lange wie möglich wohnen bleiben. Oder was meinst dü (Sie blickt Herrn S. an, der liebevoll ihre Hand berührt.)
Herr S.: Zu Hause ist es am schönsten.
Frau S.: Natürlich ist es nicht immer einfach, aber ich habe gelernt, mit der Erkrankung umzugehen. Dabei ist von Vorteil, dass ich selbst in der Pflege gearbeitet habe und Situationen vielleicht besser beurteilen kann als Angehörige, die nicht über diese Erfahrungen verfügen. Auch kommt Herr Ringbeck aus der Institutsambulanz der Klinik regelmäßig bei uns vorbei und hilft bei der Betreuung meines Mannes.
Klinikmagazin: In der Klinik haben Sie auch von der Angehörigengruppe erfahren und nehmen regelmäßig an den Treffen teil. Welche Erfahrungen haben Sie dort gemacht?
Frau S.: Die Angehörigengruppe gibt mir sehr viel Halt. Sie ist für mich fast die einzige Möglichkeit, mal „raus zu kommen“ und mich mit anderen Menschen zu treffen. Der Austausch untereinander gibt mir viel Kraft. Ich weiß jetzt, dass ich mit meinen Problemen nicht alleine bin und dass andere zum Teil noch größere Sorgen haben als ich. Es tut gut, ganz ehrlich über die Erkrankung zu reden. Dadurch ist es mir insgesamt leichter gefallen, offen damit umzugehen.

Das Interview führten Christine Kowatz, Stationsleiterin der LWL-Klinik Lippstadt, und die Öffentlichkeitsbeauftragte der Klinik, Eva Brinkmann.

Gesprächskreis Demenz

Der Gesprächskreis Demenz trifft sich jeden ersten Donnerstag im Monat um 16.30 Uhr in der Cafeteria des LWL-Pflegezentrums Warstein, Lindenstraße 4a.

Angehörigengruppe

Die Angehörigengruppe der Abteilung Gerontopsychiatrie in Lippstadt trifft sich regelmäßig in Benninghausen. Die Termine werden in der Tagespresse bekannt gegeben. Neue Teilnehmer sind jederzeit willkommen.