F�r die Menschen. F�r Westfalen-Lippe. - Claim des LWL
Logo des LWL

Klinikmagazin 2011 - LWL-Kliniken Warstein und Lippstadt - 14. Ausgabe



 

,,Ist doch ganz einfach..."

Die ,,neuen" Profis in psychiatrischen Einrichtungen


Viele praktischen Übungen bereichern die Seminare.
Die Zeit der Asylfunktion psychiatrischer Einrichtungen ist lange vorbei. „Leben in so viel Normalität wie möglich“ ist jetzt das Ziel. Dieser Paradigmenwechsel ist vollzogen, was auch für die Perspektivenwechsel bei den Profis gilt. Sie haben dazu schon viel Handwerkszeug erworben, aber ein bisschen mehr tut Not und ist gut. Was brauchen Beschäftigte im psychiatrischen und psychosozialen Bereich, um Integration der Klienten zu fördern und in ihrer „neuen“ Rolle professionell zu sein? Diese Frage bestimmt unter anderem die Programmplanung des Fort- und Weiterbildungs- zentrums der LWL-Kliniken im Kreis Soest. „Eigentlich ist es doch ganz einfach“, so das Fazit von Simone M., einer Teilnehmerin des Seminars „Lösungsfokussierte Therapie“. Zum Ende des Reflexionstages stellt sie erleichtert fest: „Der Klient erarbeitet seine Lösungen, und ich stelle die Fragen.“
Simone M. hat vorher viel gekämpft – mit sich und den Klienten. Immer wieder hat sie sich die Frage gestellt: Warum wollen es die Klienten nicht, wie ich es ihnen rate? Warum tun sie nicht das, was wir vereinbart haben? Jetzt weiß Sie, woran es hakt: Sie hatte sich bei aller Empathie und Wertschätzung als Expertin für das Leben der Klienten gesehen, Verantwortung übernommen und Ratschläge erteilt.
Monika Stich als Leiterin das Fort- und Weiterbildungszentrums und Lösungsfokussierte Beraterin nimmt zur Verdeutlichung gern das Zitat von Virginia Woolf zu Hilfe:
„Es gibt eine Unternehmung, die mit großer Sicherheit zum Scheitern verurteilt ist – jene, die wir für einen anderen planen.“
Die Teilnehmer verstehen anhand des Veränderungsmodells von Prohaska, dass wir Menschen nicht immer sofort Absicht in Handlung umsetzen, insbesondere dann nicht, wenn wir noch ambivalent sind. Mit dieser Ambivalenz zu arbeiten – wie beim Motivational Interviewing – scheint ein erster Schritt zur Veränderung zu sein.
Überrascht sind immer alle, wie fatal es ist, wenn bei allem therapeutischen Tun der Klient, sein Lebensumfeld und seine Ressourcen außer Acht gelassen werden. In der Rangordnung der Wirkfaktoren für eine erfolgreiche Therapie sind laut Miller, Hubble und Duncan (2000) die außertherapeutischen Wirkfaktoren mit 40 Prozent an erster Stelle. Integration, Empowerment, Autonomie erfordern die aktive Einbindung des Klienten:
Ziele bestimmen, Ressourcen erkennen, Veränderungsschritte festlegen und Verantwortung dafür übernehmen. Fachkräfte unterstützen den Prozess fördernd und stärkend. „Früher“, so beschreibt Simone M., „habe ich gefragt: ‚Was kann ich für Sie tun…?’“ Heute fragt sie: „Was brauchen Sie, was werden Sie tun, um …?“
Früher hat sie sich oft hilflos gefühlt, oft war sie mit ihrem Latein am Ende, es fiel ihr nichts mehr ein, was sie empfehlen oder raten könnte. Der Satz von Virginia Woolf hängt jetzt an ihrem Arbeitsplatz. Auch die Kolleginnen und Kollegen im Kursus berichten von Erleichterung, sie sind froh, aus dem Dilemma der Ratlosigkeit und Konfrontation heraus zu kommen.
„Und es wirkt!“, berichtet Andreas O. „Manchmal brauchen die Klienten Zeit, finden die Fragen schwierig, aber sie entwickeln Ideen und sehen erste Schritte.“
Während des Lehrgangs, aber auch in Selbstmanagement-Seminaren, arbeiten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit Monika Stich unter anderem an Kompetenzgittern, „Kompetenzinseln“ und dem „Ressourcenmarkt“.
Indem sie den eigenen Kompetenzen und Ressourcen auf die Spur gekommen sind, haben die Fachkräfte erfahren, wie bedeutsam dies für jeden ist. Und so resümieren sie im Bezug auf die Klienten: „Jeder besitzt Fähigkeiten und Möglichkeiten, die helfen, Ziele zu erreichen. Klienten fühlen sich gestärkt und wohl, wenn wir daran mit ihnen arbeiten anstatt nach ihren Problemen und Defiziten zu schauen.“
Diese Sichtweise wird in vielen anderen Fortbildungen und Therapieangeboten deutlich: Soziales Kompetenztraining, Psychoedukation, Adherence Therapie, STEPPS Training, Mentalisierungsbasierte Therapie. All diese Verfahren befähigen Klienten, sich ihrer Fähigkeiten bewusst zu werden, sie weiter zu entwickeln sowie zielgerichtet einzusetzen und damit der Teilhabe ein Stück näher zu kommen.
Im Workshop „Soziales Kompetenztraining“ ist Rollenspiel angesagt, die Bühne ist bereitet, und die Teilnehmer lernen, für ihre Wünsche und Bedürfnisse selbstbewusst einzutreten – ein wichtiger Baustein für selbstbestimmtes Leben. Neben der Theorie und Konzeptentwicklung gehört die Selbsterfahrung zur Fortbildung. Was die Profis gelernt haben, setzen sie im Alltag um und können den Klienten das „Soziale Kompetenztraining“ als Gruppenprogramm anbieten. Milton H. Erickson: „Zu viele Therapeuten gehen mit einem aus zum Essen und sagen einem dann, was man bestellen soll. Ich gehe mit dem Patienten zu einem Essen und sage: ‚Bestellen Sie selbst.‘“ Auch dieser Satz hat sich bei manchen Fortbildungsteilnehmerinnen und -teilnehmern eingeprägt.
„Ich kann nicht die ganze Zeit für einen Patienten bestimmen und zur Entlassung sage ich ihm: ‚Nun integrier dich mal schön!‘“ So kommentierte ein Teilnehmer im Abschlussblitzlicht des Psychoedukations- Seminars mit Stephanos Kariotis seine Lernerfahrung.
Monika Stich

Ansprechpartner

Paul Duhme
Monika Stich
Leiterin des Fort- und Weiter­bildungszentrums der LWL-Kliniken im Kreis Soest
Telefon 02902 82-1060, 02902 82-1064
Telefax 02902 82-1069
fortbildung(at)psychiatrie-warstein.de
www.lwl-fortbildung.de