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Klinikmagazin 2013 - LWL-Kliniken Warstein und Lippstadt - 16. Ausgabe



 
Titelseite des Klinikmagazins 2012 - Thema: SENDEPAUSE! Süchtiges Verharren im gemütlichen Elend
Titelseite des Klinikmagazins 2013 - Thema: SENDEPAUSE! Süchtiges Verharren im gemütlichen Elend

Auf die Dosis kommt es an


Sehr geehrte Leserinnen, sehr geehrte Leser,

Chatten, Internet-Surfen, Trinken, Spielen, Lieben, Medikamenteneinnahme, aber auch Arbeiten: Die Dosis entscheidet über Wohl und Wehe!


Nicht die Droge selbst macht abhängig, sondern ihre Wirkung; der seelische und körperliche Zustand, den man durch sie erreicht. Letztlich kann jedes Tun süchtig entgleisen. Insofern ist nicht die Art der „Droge“ von Bedeutung, sondern das Ziel, das mit ihr verfolgt wird.
Sucht ist eine Möglichkeit, dem Leben davonzulaufen, eine innere Leere zu füllen. Sucht ist weniger eine Frage der wissenschaftlichen Definition als ein Grundproblem unserer Konsumgesellschaft. In vielerlei Hinsicht hängen psychische Verfassung, Befindlichkeitsstörungen und rastloses Suchen nach Kommunikation, Information und Genuss zusammen.
Es steigt die Anzahl der Menschen, die infolge exzessiven Suchtmittel-Konsums oder auffälligen Verhaltens nicht mehr in der Lage sind, ihren Herausforderungen und Alltagsanforderungen gerecht zu werden, sich quasi zielgerichtet und strukturiert im Strom des Lebens fortzubewegen.
Wer gefesselt ist von solch exzessivem Konsumieren und Agieren, entkoppelt sich vom zukunftsgerichteten Gestalten und Werden. Oft unbemerkt kommt es zum süchtigen Verharren im gemütlichen Elend: Schmachtend wird tagtäglich das gleiche Konsum- und Verhaltensmuster erstrebt und umgesetzt, Hinterfragungen und konstruktive Kritik werden umschifft oder bewusst verleugnet; meist nur peripher nimmt die betroffene Person wahr, dass die Situation nicht vital und progressiv-gestaltend ist, sich hier also „Elend“ herauskristallisiert. Aber das Verbleiben in dem eingespurten Grundmuster ist auch gemütlich, lenkt ab und fordert nicht heraus zu aktiver Veränderung und Gestaltung.
Warum wächst bei Jung und Alt die Neigung dazu, durch solches Tun quasi rauschhafte Befindlichkeitsveränderungen herbeiführen zu wollen/müssen? Erstrebt wird offensichtlich immer mehr ein Lustgewinn bzw. die Beseitigung von jeglicher Unlust.
Therapeuten und Ärzte realisieren zunehmend, dass die Auswirkungen dieser Genuss- und Informationssucht nicht Leere und Leid beseitigen und für persönliche Entspannung sorgen; vielmehr zeigen sich zunehmend bei Betroffenen Perspektivlosigkeit, Sinnleere und Selbstwertproblematik. Vielfach werden soziale Rollen nicht mehr angenommen und ausgefüllt, konstruktives Gestalten in Beruf und Gesellschaft nehmen durch solches Verharren ab und es wächst die Haltung, andere könnten doch dazu beitragen, dass der gemütliche Status quo nicht ins Wanken gerät.
Wir haben einen Zustand erreicht, der die Erkenntnis reifen lässt, dass es sich hier nicht um die Schwächen einiger Weniger handelt, sondern um eine Möglichkeit menschlichen Verhaltens, die jedermann zu gefährden vermag.
Im klinisch-psychiatrischen/psychotherapeutischen Alltag sehen wir an vielen Stellen die Auswüchse und krankhaften Ergebnisse dieser Entwicklung, wobei wir sicher nur die Spitze des Eisberges mitbekommen. Es ist an der Zeit, das eigene Verhalten zu hinterfragen und sich „ruckhaft“ aufzumachen, konstruktiver und kritischer sich selbst und die gesellschaftliche Zukunft zu gestalten.
Lesen Sie in der neuen Ausgabe unseres KLINIKMAGAZINs von den verschiedenen Facetten dieses Problems in den unterschiedlichsten Lebensbereichen und mit den schillerndsten Farben.
Dr. med. Josef J. Leßmann
Ihr
Dr. med. Josef J. Leßmann
Ärztlicher Direktor